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  • Hintergrundbild 1: Das IGfB-Team © angelicajaud.com
  • Hintergrundbild 2: Beratungsgespräch © angelicajaud.com
  • Hintergrundbild 3: Beratungsgespräch © angelicajaud.com
  • Hintergrundbild 4: Workshop © angelicajaud.com
  • Hintergrundbild 5: Beratungsgespräch © angelicajaud.com
Eine alte Steinbrücke führt über einen langsam fließenden Fluss. Blumen und Gras sind im Vordergrund des Bildes sichtbar. (c) Menges
Foto (c) Menges

Menschliche Beziehungen in hoch geladenen Spannungsfeldern – ein paar Gedanken zum Umgang in und mit diesen herausfordernden Zeiten

Die Spannungsfelder, wie wir sie seit mehreren Jahren erleben, wirken nicht nur im Außen. Sie wirken in unserem Inneren, wodurch wiederum maßgeblich unsere Beziehungen beeinflusst werden.  Wie gehen wir mit starken, gegensätzlichen Kräften um? Wie gestalten wir unsere Beziehungen in Zeiten von Unsicherheit, Angst und Bedrohung verschiedenster Art? Diese Fragen beschäftigen mich seit einiger Zeit.

Frühjahr 2020: Lock down. Weltweit. So etwas haben wir alle noch nie erlebt. Eine Sache, die die ganze Welt gleichzeitig in Atem hielt. Man war vorsichtig gespannt, was da kam. Bald schon machten sich Unsicherheiten und Ängste bemerkbar. Dennoch herrschte ein gewisser Konsens im Sinne von «das stehen wir gemeinsam durch». Eltern, Großeltern, Kinder, Lehrpersonen – alle waren bemüht, diese ungewöhnliche Herausforderung zu meistern und sich mit den Umständen zu arrangieren. Das war eine gemeinsame Erfahrung. Für mich persönlich war es trotz vielen Unsicherheiten eine schöne, eine tragende Erfahrung. Genau deshalb, weil es eine gemeinsame Erfahrung war. Das hat sich verbindend angefühlt.

Gerade für Eltern mit schulpflichtigen Kindern gab es in dieser Zeit viel zu organisieren. Es gab neue Strukturen, neue Rollen und Rollenverteilungen, ein laufendes Absprechen, wer was wann und wo erledigt. Wer übernimmt wofür die Verantwortung? Über Vorstellungen, Werte und Normen musste neu verhandelt werden. Viele Familien konnten mit dieser Situation entspannt und spielerisch umgehen, aber es gab auch neuartige Konflikte, in welchen die Kinder besonders gelitten haben. Die Möglichkeit zur Schule zu gehen, Freunde oder die Großeltern zu treffen, hat spürbar gefehlt.

Was ich in dieser Zeit wahrgenommen habe, ist, dass diese Situation die einen Menschen entspannte und sie sich sicherer fühlten, die anderen eher anspannte und verärgerte. Denn schon bald hat sich herausgestellt, dass wir sehr unterschiedlich mit dieser gemeinsamen Erfahrung umgehen. Zur anfänglichen Unsicherheit kamen Ängste, gesundheitliche und finanzielle Sorgen, organisatorische Stressfaktoren, Gefühle von Einsamkeit, Freude über mehr Nähe in der Familie, Stress und Ärger über mehr Nähe in der Familie und einiges mehr hinzu.

Nicht nur unsere Gefühle im Umgang mit der Pandemie haben sich unterschiedlich entwickelt, sondern auch unsere Gedanken, Vorstellungen und Haltungen im Umgang mit der Pandemie und den Maßnahmen für deren Eindämmung. So gab es in den letzten zwei Jahren unzählige Beispiele von Situationen, welche die Menschen, die Nationen, die Generationen, Familien und Partnerschaften in ernsthafte und manchmal unlösbare Konflikte gestürzt hat.

Trennung? Oder Verbindung? Kann man sich mit so unterschiedlichen Meinungen, Haltungen und Wertvorstellungen noch mit anderen verbunden fühlen? Oder ist eine Trennung unumgänglich, wenn die Konflikte zu groß werden? Gehe ich dorthin, wo meine Meinung vertreten wird und ich mich sicher fühle? Oder fühle ich mich trotz unterschiedlichen Ansichten in einer Beziehung sicher?

Das Leben in und mit Spannungsfeldern gehört zu unserem Menschsein dazu. Dies wird uns seit geraumer Zeit drastisch vor Augen geführt und jeder Einzelne von uns ist enorm gefordert, den eigenen Zugang und Weg in diesem Spannungsfeld zu wählen. Und während ich das schreibe, merke ich, dass momentan viele Menschen den eigenen Weg nicht selber wählen können. Das macht mich traurig und nachdenklich. Die jeweiligen Lebensumstände kann man nicht immer wählen, jedoch die Art und Weise, wie man die Beziehungen gestalten möchte.

Der Schlüssel liegt, aus meiner Erfahrung, im Dialog. Beim Dialog geht es nicht darum, den anderen von einer Meinung zu überzeugen, sondern darum, offen und neugierig zu sein, sich für die Gedanken und Gefühle des Gegenübers zu interessieren. Zum Beispiel lohnt es sich bei Konflikten rund um das Thema Impfen oder nicht Impfen, zu erforschen, warum mein Partner / meine Partnerin so denkt und sich darüber klar zu werden, warum mir meine Haltung wichtig ist. Das Wesentliche ist, dass wir mit dem Menschen in Kontakt sind. Nicht mit seiner Meinung.

Durch die neu entstandene Nähe, die in Familien durch die Pandemie teilweise erzwungen war, gab es viele neue Konflikte, die unausweichlich geworden sind. Der Druck und der Schmerz sind in Familien größer geworden, und Familien brauchen dann Unterstützung, um wieder konstruktiv in einen Dialog zu kommen. In meiner Wahrnehmung ist es so, dass es bei uns immer noch etwas Schambehaftetes hat, sich für seine Beziehungen Hilfe zu holen. Unsere nahen Beziehungen sind enorm wichtig. Ich selbst habe immer wieder erlebt, wie hilfreich und stärkend eine Unterstützung sein kann und hoffe, dass sich die trennenden Konflikte in Familien nicht langfristig verstärken.

Was uns trennt ist auf jeden Fall der Drang, den anderen von der eigenen Meinung zu überzeugen. Das war auch schon vor Corona so und ist jetzt noch deutlicher wahrnehmbar. Zu sehr waren und sind wir beschäftigt mit den Fragen nach den richtigen oder falschen Ansätzen. Es wird zwar viel diskutiert über dies und jenes, aber jeder versucht, den anderen zu überzeugen, aber keiner hört zu und alle bleiben bei ihrer Meinung. Das führt zu Konflikten und verhärteten Fronten. Verhärtete Fronten – wie schrecklich aktuell dieser Begriff ist! Ich bin abgeschweift und versuche mich wieder auf meine Überlegungen über unsere nahen Beziehungen zu fokussieren.

Was uns verbindet ist echtes Interesse am Gegenüber. Ich möchte Menschen ermutigen, miteinander in einen Dialog zu gehen, sich offen und neugierig zu begegnen und zu fragen: Wie geht es dir? Was beschäftigt dich heute, im Hier und Jetzt?

Wenn unterschiedliche Ansichten in unseren Beziehungen einen Raum finden, wird echte Begegnung möglich. Das Trennende wird verbindend. Und das ist es, was mich tief im Herzen berührt.

 

Anina Capraro, Februar und März 2022

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